Ortschaften in Schutt und Asche

Veröffentlicht auf von Ernst Koch


Australien


Eine Farm in Whittlesea im Bundesstaat Victoria im Südosten Australiens ist völlig neidergebrannt (09.02.2009). (Bild: dpa)

Sydney. Australien hat am Wochenende die tödlichste Brandkatastrophe seiner Geschichte erlebt: Von starkem Wind und Temperaturen bis zu 47 Grad Celsius zu einer gigantischen Feuerwalze angefachte Buschbrände legten im südöstlichen Staat Victoria ganze Ortschaften ins Schutt und Asche und rissen in ihren Autos fliehende Menschen in den Tod.

Bisher wurden mindestens 131 Menschen in den Tod gerissen. Das berichtete der Fernsehsender ABC am Montag auf seiner Internetseite, die Behörden bestätigten die Angaben. Die Zeitung "The Australian" berichtete von Befürchtungen, dass mindestens 230 Menschen ums Leben gekommen sind. Diese Zahl sei bei einem Krisentreffen genannt worden.

Bereits jetzt sind es mehr Tote als am "Aschermittwoch" im Jahr 1983 mit 75 Opfern und beim "Schwarzen Freitag" 1939, als 71 Menschen starben.

"Da draußen tobt die Hölle auf Erden", sagte John Brumby, Ministerpräsident des betroffenen Bundesstaats Victoria am Sonntag. "Das Ausmaß der Katastrophe übertrifft jede Vorstellung. Einige der Feuer waren einfach nicht zu kontrollieren." Starke Winde und große Hitze um die 45 Grad trieben seit Freitag die Flammenwalze voran.

Ein Arzt vom Alfred Hospital in Melbourne berichtete, die Straßen in den betroffenen Gebieten seien gesäumt von Autos, die in Panik verlassen wurden. In Autowracks wurden verkohlte Leichen entdeckt.




"Man wird vermutlich noch zahlreiche Menschen finden, viele von ihnen dürften nicht überlebt haben", vermutete der Mediziner. Die rund 400 zum Teil absichtlich gelegten Brände zerstörten 750 Häuser und eine Fläche von 2000 Quadratkilometern; das entspricht etwa der doppelten Fläche von Berlin. 30.000 freiwillige Helfer und 37 Löschflugzeuge kämpften gegen das Feuer. Jetzt sollen die Streitkräfte eingreifen.

Ministerpräsident Kevin Rudd sprach von einer "schrecklichen Tragödie für die ganze Nation". Mindestens 2200 Quadratkilometer Land und mehr als 700 Häuser wurden Raub der Flammen. "Die wahre Hölle ist in den letzten 24 Stunden über die guten Leute von Victoria gekommen", sagte Rudd.

Die extremen Wetterbedingungen am Samstag - Bewohner sprachen von einem Glutofen - begünstigten das Inferno. 55 Tote beklagte die Stadt Kinglake. Die Feuerwalze erfasste vor allem die 800-Einwohnerstadt Marysville und mehrere Dörfer im Bezirk Kinglake rund 100 Kilometer nördlich der Staatshauptstadt Melbourne.

"Marysville gibt es nicht mehr", sagte ein Polizist. Beim Überflug über das Gebiet sahen Reporter großflächig verbranntes Land, in dem ganze Wälder zu laublosen, verkohlten Stümpfen reduziert waren. Von Ackerland blieb nur Asche, in Kinglake standen nur noch fünf der insgesamt 40 Häuser.

Explodierende Gasflaschen verschärften die Lage. Eine Frau sagte, ihr Wohnort sei nicht mehr wieder zuerkennen. "Ich habe zu Gott gebetet: Lass mir mein Haus. Er hat es mir aus irgendeinem Grund genommen. Ich baue es aber wieder auf", sagte ein 72-jähriger Mann.

Viele Bewohner stellten sich bis zuletzt mit Gartenschläuchen den baumhoch lodernden Flammen entgegen. Ein Mann sagte dem Fernsehsender Sky, er habe gegen das Feuer gekämpft, bis er erst den Benzintank seines Autos und dann den Propangastank seines Hauses explodieren hörte. "Es regnete Feuer", sagte er. Er und seine Frau seien geflohen: "Wir versteckten uns in unserem Olivenhain und sahen zu, wie unser Haus abbrannte." Augenzeugen berichteten, sie hätten Bäume regelrecht explodieren und vom Himmel Asche regnen sehen.

"Dies ist eine absolute Tragödie für den Bundesstaat und wir glauben, dass die (Opfer-)Zahlen noch höher werden könnten", erklärte der stellvertretende Polizeichef von Victoria, Kieran Walshe. Die Flammen seien teilweise vier Stockwerke hoch gewesen. Der australische Premierminister Kevin Rudd reiste nach Victoria, um sich selbst ein Bild von den Zerstörungen zu machen.


Rasende Flammen: Selbst die Feuerwehr muss sich in der Nähe der Stadt Tonimbuk in Sicherheit bringen. (Bild: ap)

Nach Angaben des staatlichen Meteorologen Terry Ryan sind die Feuer so stark, dass sie ihr eigenes Wetter schaffen: "Wir nennen das einen Pyrokumulus." Dabei reißt die heiße Luft Asche mit nach oben.

Die entstehenden dunklen Wolken erinnern an einen Gewittersturm. In Melbourne wurden Temperaturen von 46 Grad gemessen. Der Wind trieb Rauch auch über Australiens größte Stadt Sydney.

Dort herrschten an drei aufeinanderfolgenden Tagen Temperaturen von mehr als 40 Grad - ein Hitzerekord. Um weitere mutwillig gelegte Brände zu verhindern, schlossen die Behörden mehrere Nationalparks.


Die Regierung mobilisierte Bundeshilfe für die Katastrophengebiete und gab zehn Millionen australische Dollar (5,8 Millionen Euro) Nothilfe frei. Spendenaufrufe stießen auf große Resonanz.

Die Bedingungen für den Kampf gegen die Flammen verbesserten sich im Lauf des Sonntags, die Temperaturen gingen auf rund 25 Grad Celsius zurück. Allerdings kam mit der Abkühlung auch neuer Wind aus stetig wechselnden Richtungen, was Flammen in unvorhersehbare Richtungen treiben konnte.

Buschbrände gehören zum australischen Sommer. Jedes Jahr werden rund 60 000 Feuer verzeichnet, von denen allerdings Regierungsangaben zufolge die Hälfte vorsätzlich oder fahrlässig gelegt wurden. Der stellvertretende Polizeichef von Victoria, Kieran Walshe, sagte, die Polizei vermute auch bei dieser Brandkatastrophe, dass zumindest einige Buschbrände absichtlich gelegt wurden.

Im Nordosten Australiens kämpften die Helfer dagegen nach starken Regenfällen gegen die schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Große Teile von Queensland - rund eine Million Quadratkilometer - waren betroffen. Dutzende Häuser wurden zerstört. Wegen der überfluteten Straßen konnten Rinderherden nicht mehr mit Futter versorgt werden. (dpa/ap)


Quelle: http://www.fr-online.de/top_news/1671804_Feuer-regnet-vom-Himmel.html

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