Ernst Koch
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Nur für die Kameras Held der Nation: Putin steuert telegen ein Löschflugzeug über einem der Brände.
Völlig abgehoben führen die da oben ihr eigenes Leben", schimpft Taxifahrer Jewgeni, "und wir können sehen, wie wir
klar kommen". Jewgeni wollte gerade einen Ventilator kaufen, denn der Rauch der Wald- und Torfbrände ist mittlerweile sogar in St. Petersburg zu spüren, und die Perle des Nordens stöhnt unter
einer ähnlichen Gluthitze wie die ungeliebte Hauptstadt. Doch der Preis für Ventilatoren hat sich verdoppelt.
"Wir werden ja nicht mal richtig informiert über das Ausmaß der Katastrophe", ärgert sich auch Viktor, ein ehemaliger Lotse. Dass sich das Feuer bereits drei Anlagen der Atomindustrie nähert, hat
er nur aus dem Internet und von Nischensendern wie dem russischen Dienst von Radio Liberty erfahren.
"Russlands Präsident ist für alles, absolut alles verantwortlich", erklärte Wladimir Putin, als er im Frühjahr 2000 das Amt übernahm. Ein Anspruch, der ihm jetzt auf die Füße fällt. Zwar ist er offiziell nur noch Premier und damit Nummer zwei der Hierarchie. Anders als der Präsident, von dem strategische Entscheidungen erwartet werden, ist der Regierungschef jedoch für die Niederungen der Alltagspolitik zuständig und für Krisenmanagement in Notsituationen wie der derzeitigen.
Putin wird Mitschuld an der Katastrophe gegeben.
Was das für Putin bedeutet, lässt sich auf YouTube verfolgen: Zu sehen sind dort Videos, auf denen der Premier von wütenden Brand- opfern angegangen wird.
Seine Zustimmungsrate ist auf den tiefsten Stand seit Juli 2008 gesunken. Putin wusste sich zuletzt nur mit dem schwachen Argument zu verteidigen, unter den Kommunisten sei es auch nicht besser
gewesen.
Zugleich präsentiert sich der Premier wie so oft als starker Mann. Putin, der ja für die Fotografen auch gerne oben ohne im Wald zur Axt greift, steuerte diesmal
telegen ein Löschflugzeug.
Das Versagen der Regierung kann er damit nicht vergessen machen. Ohne erkennbares Konzept stolpert diese den Hiobsbotschaften hinterher. Umweltschützer und
Bürgerrechtler halten Putin und dessen Paladinen vor, Warnungen von Experten, die bereits im Winter Hitze kommen sahen, in den Wind geschlagen zu haben.
Dazu kommt, dass die volkswirtschaftlichen Schäden der Brandkatastrophe den Kreml zu Abstrichen bei Sozialprogrammen zwingen könnten. Ein Desaster
angesichts der nahenden Parlaments- und Präsidentenwahlen: Mit sozialen Wohltaten erkaufte sich Putin bisher Zustimmungsraten von über 70 Prozent.
Jetzt heißt es womöglich, den Gürtel enger schnallen. Zwar lässt sich derzeit noch niemand Zahlen zu den Schäden entlocken. Unter der Hand ist aber die Rede von "Hunderten Milliarden Rubel". Für
Russland, das sich gerade von den Folgen der Wirtschaftskrise erholt, ein schwerer Rückschlag.
Indirekt betroffen sind fast alle Branchen: Vom Mobilfunkanbieter, dem die Sendemasten wegbrannten, bis zu Herstellern von Haushaltstechnik. Die größten Verluste fahren Forst- und Landwirtschaft
ein. Ernteausfälle von rund einem Fünftel gelten als realistisch. Schon am 5. August verhängte die Regierung ein zeitweiliges Embargo für Getreideexporte. Es soll am Sonntag in Kraft treten. Der
internationale Markt reagierte bereits. Die Weizenpreise schnellten in die Höhe. Zugleich drohen auch in anderen Kornkammern der früheren Sowjetunion - Kasachstan und der Ukraine - Missernten.
Ebenso in 27 der 83 russischen Regionen.
Dabei hatte Russland sich in den letzten Jahren mit großer Kraftanstrengung bis in die weltweite Spitzengruppe der
Weizenexporteure vorgearbeitet und liegt bei Getreide-Ausfuhren derzeit auf Platz drei hinter den USA und Europa.
Steigende Preise für Lebensmittel sind daher nur eine Zeitfrage. Weil Russland für sie 16 Prozent des Einkommens ausgibt, kommt auch die Inflation auf Touren. Kredite werden teurer.
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